retune.2014: the Machine to be Another – wie es ist, eine andere Person zu sein

Was ist es für ein Gefühl, die Welt aus den Augen eines anderen Menschen zu sehen? Wie fühlt es sich an, nicht mehr die eigenen Hände zu betrachten, sondern die eines Mannes? Und kann man eigentlich zwei Personen gleichzeitig sein?

Diese Fragen sollten im September während des Workshops „the Machine to be Another“ im Rahmen der retune 2014 exploriert werden. Die Machine to be Another (MtbA) wurde vom beAnotherLab entwickelt, mit dem Ziel, Empathie zwischen Menschen zu fördern. Was zunächst als Kunstprojekt begann, ein Genderswap Experiment viral durch die Medien schwirren ließ und durch die Mitarbeit einer Gruppe motivierter, interdisziplinärer Visionäre vorangetrieben wurde, wird inzwischen von den Projektinitiatoren begeistert Interessierten vorgestellt. So auch im Rahmen des retune2014 Workshops, über den ich hier einen kleinen Erfahrungsbericht abgeben möchte. 

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Die Machine to be Another ist eine Möglichkeit, die Perspektive einer anderen Person mittels eines Virtual Reality (VR) Headsets
einzunehmen. Es gibt die Option, dass beide Beteiligten ein Headset aufhaben und die Perspektive des jeweils anderen einnehmen, oder, wie in unserem Fall, dass einer das Headset trägt und die andere Person mittels Kamera die eigene Perspektive zur Verfügung stellt.

Nachdem uns, einer internationalen Gruppe von ca. 15 Leuten, die Arbeit des BeAnotherLabs ausführlich vorgestellt wurde, war es an uns, zu entscheiden, was wir ausprobieren wollten. Es wurde schnell Einigkeit erreicht, dass absolut jeder die MtbA selbst testen wollte, so dass wir einen Crashkurs der nötigen Choreographieregeln absolvierten und direkt einsteigen konnten. Das Prinzip funktioniert so: eine Person bekommt eine Oculus Rift und Kopfhörer aufgesetzt. Diese Person (die „Erlebende“) ist diejenige, die sich gleich in die Perspektive der zweiten Person versetzt sehen wird. Die zweite Person (der „Performer“) ist mit einem Brustgeschirr ausgestattet, an dessen Vorderseite sich eine über Servomotoren gesteuerte Breitbild-Webcam befindet. Die Ausrichtung der Kamera wiederum hängt von der Neigung der Oculus Rift ab – einfach gesagt: die Kamera „guckt“ im gleichen Winkel, in dem die Erlebende ihren Kopf bewegt, wodurch sich Kamera und Kopf synchron bewegen. Schaut die Erlebende nach unten, so blickt auch die Kamera nach unten – auf die Beine des Performers, die die Erlebende dann auf dem Display der Oculus Rift sieht. Alles klar soweit?

So sieht das ganze dann aus:

Photo by Tina MK Madsen

Photo by Tina MK Madsen

Damit für die Erlebende ein realer Eindruck entsteht, ist es wichtig, dass die selbst ausgeführten und die visuell über die Rift wahrgenommenen Bewegungen synchron ablaufen. Daher haben beide die Instruktion erhalten, sich möglichst langsam und fließend zu bewegen, um dem Performer die Möglichkeit zu geben, mit ihren Bewegungen mitzukommen. Was erstmal kompliziert klingt, erwies sich in der Praxis als intuitiv und einfach, da jedem Teilnehmer daran gelegen war, das Erlebnis der anderen so gut wie möglich zu unterstützen.

Hier sieht man, wie der Erlebende (vorn) seine Arme bewegt und der Performer (hinten, in dem fall ich) mit der Kamera ausgestattet die so vorgegebenen Bewegungen umsetzt. Wie man außerdem sieht, machte es allen Beteiligten und Zuschauern Spaß.

Photo by Tina MK Madsen

Photo by Tina MK Madsen

Neben dem rein visuellen Perspektivwechsel kamen verschiedene haptische Reize (Berührungen, eigenes Ertasten) hinzu. Wechselnde Assistenten nahmen die Rolle von weiteren Choreographen ein, die den beiden mit der MtbA verbundenen Gegenstände reichten oder z.B. mit einem kleinen Hammer gleichzeitig das jeweilige Performer- bzw. Erlebenden-Knie bestubsten.

Photo by Tina MK Madsen

Photo by Tina MK Madsen

So ergab sich schließlich eine Interaktion zwischen vier Personen mit aufeinander abgestimmten Bewegungen, die sich alle an der Vorgabe des Erlebenden ausrichteten.

Die Videos des BeAnotherLabs demonstrieren das Prinzip sehr gut und sind auch sonst sehenswert. Klicken und gucken lohnt sich!

So, und mein Fazit nach der ganzen relativ technischen Beschreibung? AWESOME in Capitals!

Mein erster Eindruck nach Aufsetzen der Rift war, mich aus der Perspektive eines Avatars in einem Spiel zu befinden. Das Display des DK1s ist relativ gering auflösend, wodurch sich ein Grid-Effekt beim Betrachten ergibt. Dies bedeutet, man kann jedem Pixel einzeln guten Tag sagen und hat durch die Sichtbarkeit der Bereiche zwischen den Pixeln den Eindruck, dass ein feines, schwarzes Gitter über dem Bild liegt. Während des Workshops war die Ausleuchtung in der Halle nicht optimal für die Webcams, so dass das Bild eher ungesättigt und schwarz-weiß wirkte. Beides zusammen gab mir den Eindruck, mich eher in einem Film-noir inspirierten Spiel zu befinden und weniger den Raum, in dem ich tatsächlich saß aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Der geistige Sprung von „Videospiel“ zu „das ist real“ brauchte etwas Zeit.

Als ich das erste mal an mir herunterblickte, habe ich meinen „neuen“ Körper noch nicht als meinen eigenen wahrgenommen. Ich sah Beine, Hände und Unterarme, aber es fühlte sich noch nicht nach „mir“ an, sondern unbelebt und virtuell/künstlich. Als ich begann, mich langsam zu bewegen, meine Hände zu heben und zu betrachten, folgten die „neuen“ Hände meiner Bewegung mit ein wenig Verzögerung. Ich lernte durch das visuelle Feedback schnell, meine Hände in der richtigen Geschwindigkeit und Komplexität zu bewegen, so dass die Verzögerungen weniger auffielen. Mir war zu dem Zeitpunkt einerseits klar, dass mein Bild eine andere Person zeigt, die meine Bewegungen nachahmt, weshalb ich versuchte, es ihr leichter zu machen, andererseits fühlte es sich an, als wäre es mein virtuelles ich, ein sachliches ich, ein Videospielavatar mit einer ausgesprochen realistischen Bewegungssteuerung.

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Und ein bißchen war das, was ich von meinem „neuen“ Körper sah auch tatsächlich gefühlt „mein“ Körper – ich konnte ihn schließlich fühlen! Ich sah einen Finger auf mein „neues“ Bein zukommen und fühlte mich genau dann bepoked als ich die Berührung sah. Als mit eine venezianische Maske zum Befühlen gereicht wurde und ich das, was ich sah ebenfalls genau so fühlte, war ein Teil meines Gehirns überzeugt, dass das, was ich sehe real ist.

Habe ich mich nun aus den Augen einer anderen Person gesehen? Das auf jeden Fall! Habe ich mich seltsam gefühlt, auf einmal Männerhände zu sehen? Nope. Hier hatte ich den Eindruck, dass Videospielerfahrung das Erleben aus einer anderen Perspektive fördert. Es ist „normal“, fremde Hände zu steuern. Ich denke allerdings auch, dass das reine Sehen von Armen und etwas behaarteren Beinen nicht so eindrucksvoll ist, wie das Erleben im oben verlinkten Genderswap-Experiment, in dem es explizit darum geht, wesentlich mehr vom Körper des anderen zu sehen.

Aber habe ich mich auch als die andere PERSON gefühlt? Das eher nicht. Ich habe mich tatsächlich eher gefühlt, wie in einem Avatar. Wenn wir beispielsweise aufgestanden wären und uns in einem Spiegel betrachtet hätten, wäre der Eindruck, genau diese andere Person (die man vor- und nachher beim Workshop erlebt) zu sein vermutlich wesentlich stärker gewesen als durch den relativ begrenzten Eindruck, den man durch den Anblick von Händen und Beinen bekommt.

In den Originalexperimenten, deren Betrachtung ich hier nochmal ausdrücklich empfehle,  geht es auch über das, womit wir uns ausprobiert haben, hinaus. Wir haben einfach drauflos getestet und Spaß am Experimentieren gehabt, ohne konkretes Ziel und ohne speziell die Empathie im Fokus zu haben. In einem der Videos, das uns gezeigt wurde, lief es hingegen so, dass derjenige mit der Kamera seine Lebensgeschichte erzählte und eine kleine Performance mit für ihn bedeutungsvollen Gegenständen lieferte, während derjenige mit der Rift seine Bewegungen nachahmte und zuhörte. Diese Ausrichtung ist sicherlich etwas förderlicher für den Perspektivwechsel.

Fand ich es deshalb schlecht? Nein, definitiv nicht, im Gegenteil! Es war eine grandiose Erfahrung, die sehr viel Spaß gemacht und viele neue Eindrücke beschafft hat. Ich denke, was man erlebt, hängt bei der MtbA sehr stark davon ab, worauf man den Fokus richtet. Soll das Erleben als andere Person gefördert werden, ist mehr Einbettung in eine Story nötig und eventuell auch mehr Blick auf den „neuen“ Körper als wir ihn hatten. Das Erleben aus der Perspektive des anderen ist jedoch absolut realistisch gewesen und eröffnet viele Ideen für Projekte zur besseren Wahrnehmung des anderen und auch der eigenen Person.

Das heißt konkret, um die Welt und sich selbst aus der Perspektive eines anderen zu erleben ist nicht mehr nötig, als etwas (open source) Code, einer Webcam, Servomotoren und einem VR-Headset. Ein kleiner Aufwand für ein großartiges Erlebnis.

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