Das Ende der MOOCs? Wo freies E-Learning noch möglich ist.

Vor einigen Jahren habe ich den TED Talk von Daphne Koller, der Co-Founderin von Coursera, gesehen und war begeistert.

In diesem Vortrag hält sie ein flammendes Pladoyer auf freie Bildung und die dabei tragende Rolle von freien Online-Kursen, die Wissen auf universitärem Level bereitstellen und somit jedem verfügbar machen, der über einen Internetzugang und einen PC verfügt. Selten habe ich ein ähnlich inspirierendes Vorhaben gesehen – freies Wissen, für die ganze Welt, gratis und dazu auch noch von top Universitäten aufbereitet! Von Machine Learning über Weltgeschichte bis zu Videospieldesign! Die Standing-Ovations zum Ende des Vortrages hat Daphne Koller definitiv verdient und ich war sicherlich nicht die einzige, die sich gerührt und enthusiastisch sofort in mehrere Kurse eingeschrieben hat, überzeugt, an der nächsten Revolution der Bildung teilzunehmen und mit „Klassenkameraden“ auf der ganzen Welt zusammen an einer Sache zu arbeiten.

Und für die letzten Jahre schien sich dieser Anspruch zu erfüllen. Ich habe mich in viele Kurse eingeschrieben, davon in viele lediglich reingeschaut, manche „für später“ gespeichert, aber einige wenige von Anfang bis zum Ende durchgearbeiet und dabei soviel Zeit und Ressourcen investiert wie in ein kleines Uni-Seminar. Zusammen mit anderen habe ich in Foren über Gamification debattiert, über Kurshausaufgaben in Python gefachsimpelt, wir haben uns unsere Videospiel-Projekte vorgestellt, uns gegenseitig geholfen und motiviert und manchmal sind langanhaltende online Bekanntschaften, über Länder- und Kontinentengrenzen hinweg, entstanden. Vor allem die gemeinsamen Deadlines für die Hausaufgaben und Prüfungen haben uns als Kurs zusammengeschweißt und eine Diskussion über die Inhalte erst in Gang gebracht. Einige meiner ehemaligen „StudienkollegInnen“ sind durch ihr Engagement selbst Teil des kursgebundenen Support-Teams von Coursera geworden.

Umso größer war mein Erstaunen, dass die ehemals freien Kurse heute nicht mehr frei sind. Ein Bezahlsystem wurde bereits früher eingeführt, hat aber diejenigen, die kein verifiziertes Abschlusszertifikat benötigten, nicht weiter berührt. Inzwischen ist das anders. Man kann sich in die meisten Kurse zwar noch kostenfrei einschreiben, allerdings lediglich die Videos sehen und in den Foren diskutieren – die „Hausaufgaben“, Quizzes und Tests, die im Vortrag von Daphne Koller noch als integraler Bestandteil der Lernerfahrung und Alleinstellungsmerkmal von Coursera angeführt wurden, sind nur noch für zahlende Teilnehmer verfügbar. Wäre Coursera von vornherein ein System mit Bezahlschranke gewesen, würde sich vermutlich niemand darüber aufregen. Durch das Verbergen des interaktiven Lernens wie durch Quizzes und Assessments hinter einer Bezahlmauer scheint es, als wäre einer der Grundpfeiler des freien Bildungsideals von Coursera gerade zum Abriss freigegeben worden. In den entsprechenden Foren herrscht Aufbruchsstimmung und viele Courseraner geben ihren Unmut und, in manchen Fällen, den drohenden Untergang freier online Kurse bekannt.

courseraNOO

Noooooo! Whyyyyy?

Ist das Bild wirklich so trüb? Hat sich das Ideal der weltweiten, freien Bildungsvermittlung als illusorisch entpuppt?

Zunächst einmal, Coursera bleibt weiterhin frei. Es ist immer noch möglich, die Videos anzusehen und (teilweise) die Quizfragen zu sichten. Man kann sie nur nicht mehr einsenden, wodurch kein direktes Feedback über die eigene Leistung möglich ist. Je nach Kurs kann man somit immer noch für sich zumindest schauen, ob man die Fragen ohne Schwierigkeiten beantworten kann. Weiterhin kann man sich die potentiellen Antworten notieren und nach der Deadline mit den korrekten Antworten vergleichen. Nachteil: wenn zwischen Bearbeitung und Korrekturmöglichkeit mehrere Wochen liegen, ist der Lerneffekt minimal. Ebenfalls wäre eine Rücksprache über die Ergebnisse mit anderen Teilnehmern möglich, wobei man sich dafür einen alternativen Weg suchen müsste, denn das direkte Vergleichen von Ergebnissen ist im Coursera-Forum nicht erlaubt.

Im Vergleich zu früheren Methoden wie dem einfachen (und sicheren) Einchecken von Code direkt auf der Coursera Seite, ergibt sich hier eine viel höhere Hürde. Insgesamt verliert Coursera somit eines der wichtigsten Schlüsselmerkmale, die es von anderen Bildungsangeboten abgehoben hat.

Was gibt es für Alternativen auf dem Feld der MOOCs? Ich habe mal für den Bereich „Datenanalyse“ ein paar Beispiele herausgesucht und verglichen.

Udacity, ein kommerzieller Anbieter, der sich auf IT spezialisiert hat und vor allem mit Firmen wie Facebook, Google und Twitter zur Erstellung von Inhalten zusammenarbeitet, hat einen starken Fokus auf sogenannte „Nano-degrees“. Dies ist eine Reihe von Kursen zu einem gemeinsamen Schwerpunkt, ähnlich den Capstone-Projects von Coursera. Mit 199$ / Monat ebenfalls nicht gerade im studentischen Budget enthalten. Darüber hinaus gibt es jedoch auch einzelne freie Kurse, die den Inhalt in Form von Videos bereit stellen, Aufgaben anbieten und Diskussionsforen zur Verfügung stellen.

udacityDataScience

Kursübersicht „Intro to Data Analysis“

Rein inhaltlich umfasst der freie Kurs einen Bruchteil des Inhalts, der beispielsweise im ebenfalls freien Kurs „R Programming“ von der John Hopkins University auf Coursera bereit gestellt wird. Allerdings – und das wird enttäuschte Courseraner freuen – enthalten die Udacity Kurse Assessments und Quizzes, inklusive der Möglichkeit, Code direkt auf der Webseite einzugeben und testen zu lassen:

quizUdacityDS2

Interaktive Aufgaben, YAY!

Leider wird diese Funktionalität vom geringen Umfang der freien Inhalte geschmälert. Udacity ist allerdings ein for-profit Unternehmen und insofern sollten die freien Kurse auch eher als das angesehen werden, was sie vermutlich sind: Kleine Häppchen zum Ausprobieren und Anwärmen potentieller Kunden, die in die angeteasten Inhalte weiter einsteigen wollen.

Schauen wir uns nun das Angebot von NovoEd, einer weiteren MOOC-Plattform, bereitgestellt von der Stanford University, an. Hier fällt auf, dass im Bereich „Math & Science“ nicht viele Kurse angeboten werden, insgesamt nur sechs Stück.

novoEdOpen

Free! Free! Let’s check it out!

Selbst wenn die Kurse nicht aktuell sind, bieten andere Plattformen oft die Möglichkeit, in archivierte Kurse zum Selbstlernen unabhängig vom Zeitpunkt einzusteigen.

novoEdclosed

Nicht so NovoEd.

Dadurch schränkt sich das ohnehin schon eher spärliche Angebot weiter ein. Ein Zugriff auf die Materialien ist nicht möglich, sofern man nicht zuvor am Kurs teilgenommen hat. Von den sechs vorhandenen Kursen im wissenschaftlichen Bereich sind nur drei geöffnet und von diesen nur zwei umsonst, der dritte kostet 99$. In Richtung Datenanalyse gibt es zur Zeit gar nichts, dafür sieht es im geisteswissenschaftlichen Bereich besser aus.

Als dritte große Alternative zu Coursera kommt noch edX in Frage. edX ist eine vergleichsweise große MOOC Plattform, die neben freien Kursen zwar auch die Zahlung zum Erhalt verifizierter Zertifikate anbietet, daran jedoch keine weiteren Funktionalitäten knüpft. Zahlt man nicht, hat man den gleichen Zugriff auf die Inhalte wie die zahlenden Teilnehmer. Darüber hinaus hat man die Option, für die Teilnahme am Kurs in einer selbst festgelegten Höhe zu spenden.

donationedX

Natürlich hat auch edX eine Reihe von „Tracks“, hier passend zum Institutsnamen „XSeries“ genannt. Dies sind, wie den anderen MOOC-Anbietern auch, gebündelte Kurse, deren erfolgreiches Absolvieren die Basis für einen Karriereschritt in die entsprechende Themenrichtung sein kann. Positiv ist hier, dass ALLE Kurse, die in der Spezialisierung enthalten sind, kostenfrei belegt werden können, sofern man auf das Zertifikat verzichtet.

XseriesGerade für Menschen, die sich einfach „nur“ weiterbilden möchten und denen es um die erworbenen Fertigkeiten geht, ist dies ein optimaler Kompromiss aus freier Verfügbarkeit und der Möglichkeit, dem Anbieter in Form von den Mitteln, die man selbst aufwenden kann, zu einem Zeitpunkt, den man selbst wählt, etwas zurückzugeben. Darüber hinaus ist jederzeit ein Upgrade auf den „verified Track“ möglich, so dass auch diejenigen, die von Courseras „im Voraus zahlen“-Taktik abgeschreckt sind,  aber die finanziellen Möglichkeiten für ein Zertifikat hätten, hier in Ruhe Kurse testen können.

Hier ist noch eine Zusammenfassung der ausgewählten Alternativen:

Feature Coursera Udacity NovoEd edX
Partner Universitäten Business-Partner, Google, Facebook, Universitäre Partner Stanford University MIT, Universitäre Partner
Freie Kurse ja ja ja ja
Freies Videomaterial ja ja ja ja
Freie Quizzes nur Ansicht ja ? ja
Freies Assessment nein ja nein ja
Freies Zusatzmaterial ja ja ja ja
Freies Zertifikat nein nein nein nein
Tracks Capstone-Project Nano-Degree XSeries
Kursanzahl keine konkrete Nummer (viele), alle Bereiche  hohe Anzahl im IT-Bereich  geringer Umfang, vorwiegend Geistes- und Wirtschafts-wissenschaften 881, alle Bereiche
Preise der zertifizierten Kurse ab 49$ 199$/Monat, bei Komplettierung 98.50$ 29$ – 16.000$ 99$/Kurs, alternativ (ohne Zertifikat) Spenden möglich

Insgesamt lässt sich zumindest auf Basis dieser kleinen und unvollständigen Auswahl festhalten, dass es zwar anscheinend inzwischen unmöglich geworden ist, ein Äquivalent zum „Certificate of Completion“ kostenfrei zu erhalten. Coursera hat sich stark verändert und sich zudem mit der aktuellen Beschränkung der interaktiven Kursmaterialien auf zahlende Kunden sicherlich keinen Gefallen getan. Die Inhalte bleiben jedoch für alle verfügbar und sind eine sehr gute Quelle um sich weiterzubilden. Die fehlende Möglichkeit, sein Wissen zu überprüfen, schmälert diesen Gewinn ein wenig.Dies ist schade, da der Anspruch auf Interaktivität und echte Übungsaufgaben, den Daphne Koller im obigen Vortrag so eindrucksvoll betont hat, verloren gegangen ist. Andernorts wird der Gedanke jedoch weitergeführt: Allem Anschein nach scheint nun edX die Rolle übernommen zu haben, die die Coursera-Gründer vor fast vier Jahren auf ihre Fahnen geschrieben hatten: Bildung für alle, mehr als nur Lehrvideos, Lernen durch Interaktivität und Übungsaufgaben.

Ich hoffe, dass dieser Vergleich einen Startpunkt zur Suche der geeigneten Kursinhalte bilden kann. Es gibt vor allem im Bereich des Programmierens noch weitere Ressourcen, die ich bewußt nicht genannt habe, da ich mich auf allgemeine MOOC-Kurse beschränken wollte. Gibt es eine tolle, neue, freie MOOC-Plattform? Einen anderen Durchbruch im E-Learning, über den berichtet werden sollte? Dann freue ich mich über Ergänzungen und Kommentare!

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